Freiwillige für Übungen und Demonstrationen auswählen.

„Live is live.“ In Vorträgen wie Seminaren ist fast nichts spannender, als wenn der Vortragende nicht mehr alles kontrollieren kann und mit echten Menschen interagiert. Die Aufmerksamkeit steigt sofort, die persönliche Anteilnahme der Teilnehmer stellt sich automatisch ein. Es ist, als wäre „jeder“ in der Sekunde Freiwilliger. Bei gutem Umgang mit dem Freiwilligen wird das WIR gestärkt und eine humorvolle Leichtigkeit erfüllt den Raum. Deswegen halte ich es für belebend und zielfördernd, solch ein Element einzubauen.

Auf der anderen Seite kennen wir alle diese Fremdschämmomente, die eine enorme Beklemmung auslösen können. Wenn der Umgang ruppig oder die Aufgabe nur blöd, peinlich oder belanglos ist und zudem der Freiwillige nicht auf der Bühne sein will, kommt die Negativspirale richtig in Drehung. Ich habe schon Vorträge gesehen, die so für über eine Viertelstunde den gesamten Vortrag blockieren. Die Zuhörer sind dann zu sehr mit ihrer Beklemmung beschäftigt, als das richtig zuhören zu können. Daraus folgernd stellt sich die Frage: Wie wähle ich denn nun den richtigen Freiwilligen aus?

Viel wichtiger als die Frage nach dem „perfekten“ Freiwilligen ist zunächst die Frage nach der eigenen Haltung. Warum und wofür brauche ich überhaupt einen Freiwilligen? Wie gehe ich mit ihm um? Welche Freiheit gebe ich für echte menschliche Reaktionen? Verlässt der Freiwillige als Held die Bühne? Das ist harte Arbeit an sich selber, bis einem der natürliche, freie und wertschätzende Umgang mit Menschen auf der Bühne gelingt. Dann ist es auch „fast“ egal, wer nach oben kommt.

Es gibt für mich grundsätzlich 2 Wege zur Auswahl: Die offene Frage nach einem Freiwilligen oder die vorherige persönliche Auswahl während eines Vortrags. Das Thema inszenierte Freiwillige, die im Vorfeld feststehen, habe ich noch nie angewandt. Darüber kann ich nicht schreiben. Aber es gibt viele Speaker, die das machen. Das fällt geübten Augen übrigens auf, denn Speaker sind ja in der Regel keine Schauspieler. Aber egal wie die Auswahl stattfindet, sie sollten während des Vortrags eine Vorauswahl treffen. Sonst kriegen sie garantiert die falschen Köpfe, die zwar perfekt für Big Brother eine Containershow abliefern können aber für eine Interaktion mit dem Speaker denkbar ungeeignet sind. Die versuchen dann auch, Ihnen die Show zu stehlen.

Zudem muss die Frage geklärte sein: Was für einen Typ brauche ich? Es gibt auch gute Momente, wo ich einen Sturkopf brauche. Jemand der auf „Nein“ schaltet und so eine irre Energie in den Raum gibt. Selbst bei einer offenen Frage nach einem Freiwilligen muss ich also nach dem Muster: „Welchen Typ brauche ich?“ vorgehen und eine Vorauswahl treffen.

Ich persönlich habe einen radikalen Tipp: Sie suchen sich den Freiwilligen aus, ohne Wenn und Aber. Und zwar egal ob er sich meldet oder nicht. Meine These: Es ist gesellschaftlich in Westeuropa völlig akzeptiert, unfreiwillig ein Freiwilliger zu sein. Damit kann ich im Vorfeld genau aussuchen, wer passt. Ich selber sehe das auch nicht als Wiederspruch zum fairen und freien Umgang mit Menschen. Das Wie entscheidet.

Wonach sollte man suchen? Stellen Sie am Anfang offene Fragen, die noch nichts mit der Übung später zu tun haben. Unter denen die antworten ist die richtige Person für die spätere Übung. Aus meiner Erfahrung mit einer fünfstelligen Zahl von Freiwilligen auf der Bühne ist das der am Abstand beste Indikator. Alle anderen bitte nicht ansprechen. Menschen die klatschen, lachen, offenen Kontakt über die Augen herstellen, die sind geeignet. Generell sollten es die Jüngeren im Publikum sein. Wenn es herausfordernd ist, sind Männer eher akzeptiert. Mit denen darf man allgemein direkter sein. Ausschlusskriterien: Mitarbeiter der Veranstaltung, alle Alphatiere, der Vorstand, der Chef, offen unsicher wirkende Menschen und top gestylte Personen. Bei den Mitarbeitern denken alle, dass es inszeniert ist, was kontraproduktiv wirkt. Bei den anderen überwiegt oft die Angst, nicht gut weg zu kommen.

Meine Auswahl für Freiwillige, die ich erst nach 30 Minuten brauche, treffe ich schon nach 5 Minuten beim Beginn meiner Rede. So habe ich Zeit für meinen zweiten großen Indikator: Das Bauchgefühl. Ich gehe bewusst in den Kontakt mit den Personen und lasse meine Intuition reden. Ich mache zum Beispiel eine Anmerkung über eine Begebenheit und sage direkt zu einer Person: „So wie Sie gerade schmunzeln, müssen Sie so etwas auch erlebt haben.“. Die meisten nicken, lächeln noch mehr und halten mit mir kurz bis mittellang den Augenkontakt – perfekt!

Zudem hilft dies, dass die Personen dann auch wirklich mitmachen. Danach suche ich nach prägnanten Merkmalen des von mir schon längst ausgewählten ersten Freiwilligen, die für alle sichtbar sind. Wenn die Zeit gekommen ist, wird dramaturgisch zugespitzt ein Freiwilliger gesucht. Nach einer langen Atempause kommt „…und derjenige sitzt in der dritten Reihe und trägt eine grüne Krawatte.“ In den letzten 20 Jahren habe ich so eine Quote von über 99,9% echt guter Freiwilliger bekommen.

Manchmal ist das schlechte Beispiel ja auch ein guter Lehrmeister. So habe ich einmal erlebt, wie ein Redner direkt als ersten Satz sagte: „Ich brauche einen Freiwilligen“. Es gab noch keine Interaktion mit den Zuhörern, kein wir. Niemand hatte den Redner einschätzen können. So etwas blockiert und verhindert eine gute Interaktion. Da Freiwillige ein so belebendes Element sind, würde ich es auch erst frühestens nach dem ersten Drittel einbauen. Ein anderer Fehler, den ich vor Jahrzehnten ein paar Mal selber machte: ich suche mir den Typ „Model“ aus. Sofort ändert sich der Fokus der Zuschauer. Es geht nicht mehr den Inhalt, sondern Männer wollen wissen, wie ich „die denn kriege“ und Frauen vergleichen sich. Klar ist das jetzt sehr pauschalisiert auf den Punkt gebracht. Nur jedes Mal, wenn ich eine echt bildhübsche und top-gestylte Frau auf die Bühne hole, habe ich danach kein tragendes „WIR-Gefühl“ mit dem Publikum. Das gleiche gilt bei Machtmenschen, wenn Sie denen kein echtes Gegenüber auf der Bühne sein können. Bei beidem wird die Übung Nebensache.

Was ist mit Plan B, wenn es nicht klappt? Ich muss offen zugeben, dass ich keinen mehr habe. Also keinen festen Notfallplan. Meine eigenen Gedanken dazu sind recht naiv: „Sollte es nicht klappen, dann schauen wir mal, was passiert. Live ist live.

 


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