Unternehmerischen Mut entwickeln – Grundlagen Part 1

„Durch Deutschland muss ein Ruck gehen“

Sie erinnern sich vielleicht an die erste Berliner Rede Roman Herzogs, „Durch Deutschland muss ein Ruck gehen“. Sie hat sich in das kollektive Gedächtnis der Republik eingebrannt. Der Vortrag des damaligen Bundespräsidenten stammt aus dem Jahr 1997 und könnte heute ohne Änderung tagesaktuell vorgetragen werden. Roman Herzog hat damals uns alle angesprochen, uns alle aufgefordert, sich zusammen zu reißen, Opfer zu bringen und lieb gewonnene Besitzstände aufzugeben. Für mich lautet der Kern seiner Botschaft allerdings: Wir brauchen unternehmerischen Mut!

Doch so exakt und treffend die Rede auch sein mag, sie hinterlässt vor allem dieses unbehagliche: WIE? Wie kann ein solcher Ruck aussehen? Die simple Antwort lautet: Unternehmerischen Mut können Sie lernen.

Theoretisch ist es den meisten von uns klar, dass wir mehr davon brauchen. Wir verstehen gut, worum es geht. Nur wissen wir leider nicht, wie es sich anfühlt, wie dieses Selbstvertrauen einen durchflutet. Es ist so ähnlich wie bei einer Generation von Menschen, die das Kochen verlernt hat. Die Kinder wurden nicht zur Selbstständigkeit erzogen. Niemand hat ihnen das Kochen beigebracht. Egal ob die Eltern wenig Zeit hatten oder selber chronisch auf Fertiggerichte zurückgegriffen haben. Sie können es einfach nicht. Forscher fanden heraus, dass diese Generation von „Nichtkochenkönnern“ genau weiß, dass sie sich anders ernähren sollten. Sie wissen nur nicht wie. Selbst rudimentäre Kochkünste wie Kartoffeln kochen ist zu einer kraftanstrengenden, energieraubenden Tätigkeit mutiert. Jeder, der kochen kann, macht diese Tätigkeit mit links nebenbei. Wir denken darüber nicht einmal nach. Wir machen es. Mir ist klar, dass zum Aufbau eines Unternehmens mehr gehört als eine einfache Tätigkeit. Es ist sogar viel mehr. Nur muss und kann dieser unternehmerische Mut zu einer Selbstverständlichkeit in uns werden, eben wie Kartoffeln kochen.

Welche Eigenschaften hat aber nun der unternehmerische Mut? Und wie können wir diese Eigenschaften entwickeln? Haben Sie schon einmal in einem fremden Land eine Reise organisiert? Keine Pauschalreise, wo alles geregelt ist, sondern bei der Sie sich selber um die Reise gekümmert haben? Wenn Sie diese Frage mit „ja“ beantworten können, tragen Sie alle nötigen Ressourcen für unternehmerischen Mut in sich.

Was heißt das konkret? Prof. Heinz Mandl von der Uni München hat eine der praktikabelsten und präzisesten Definitionen aufgestellt. Zum unternehmerischen Denken und Handeln gehören für ihn vier Bereiche: die kognitiven, motivationsbezogenen, sozialen und organisationalen Kompetenzen:

 

Kognitive Kompetenzen
Allgemeine Denk- und ProblemlösefähigkeitKreativitätLernfähigkeitFachkompetenzenLese- und Schreibkompetenz
Motivationsbezogene Kompetenzen
EigeninitiativeZielorientiertes HandelnStrategien der StressbewältigungRisikobereitschaft
Soziale Kompetenzen
Kommunikations- und Kooperations-kompetenzFührungs- und Durch-setzungsfähigkeitVerantwortungs-bereitschaft
Organisationale Kompetenzen
Strategien der:ZielanalyseArbeits-, Zeit- und BudgetplanungProjektüberwachungProjektsteuerung

 

Wenn Sie eine eigene Reise organisieren, brauchen Sie alle oder möglichst viele der genannten Kompetenzen. Sonst ist ein gelungener Urlaub kaum möglich. Oder gehören Sie zu den Menschen, die erst die Koffer packen, nachdem der Flieger gestartet ist? Die die Reise buchen, nachdem der Urlaub zu Ende ist? Sie entwickeln Eigeninitiative und zielorientiertes Handeln. Mögliche Schwierigkeiten analysieren sie, Probleme lösen Sie kreativ. Sie schaffen es, mit anderen Menschen zu kommunizieren.. Letztendlich benötigt die Urlaubsplanung sogar ein Projektmanagement, eine Projektsteuerung. Vielleicht hapert es noch mit der Budgetplanung und der Urlaub ist deutlich teurer geworden? Alle diese Fähigkeiten müssen wir nicht von Anfang an beherrschen. Es geht darum, ob sie sich entwickeln können. Dies ist bei den meisten Menschen möglich.

Vielleicht wundern Sie sich über die einfachen Urlaubs- und Koch-Beispiele. Sie belegen auch: Im Grunde ist jeder Mensch ein Unternehmer. Wir alle tragen die Fähigkeit in uns, unternehmerischen Mut wachsen zu lassen. Wie groß er wird und welche Richtung wir ihm geben, das ist eine ganz andere Frage. Joseph Beuys hat etwas ganz Ähnliches für den Bereich der Kunst zum Ausdruck gebracht: „Jeder Mensch ist ein Künstler“, ist einer seiner berühmtesten Aussprüche.

Unternehmerischer Mut ist also eine Grundhaltung, bei der die Ausgangslage für alle gleich ist. Es geht um:

  • die Vorstellung von einer lebenswerten Zukunft
  • die Gewissheit, dass den eigenen Taten Erfolge folgen
  • die Kraft, aufzustehen und zu handeln
  • ein inneres Ja zu meiner Zukunft auszusprechen
  • meine Freiheit zu leben

Die ausführlichen Beispiele führen auf einen Kerngedanken hin: Unternehmerisches Denken und Handeln, zugespitzt auf unternehmerischen Mut, hat jeder und kann deswegen eine ganze Unternehmenskultur erfassen. Aus meiner Perspektive als Start-Up-Berater und Investor ist Aufbruchsstimmung, gemeinsam an einem Strang ziehen, was zu wagen und konsequent im langfristigen Sinne des Unternehmens zu denken der Normalzustand. Sonst ist ein Start-Up von Beginn an zum Scheitern verurteilt. Das wichtigste an einem Start-Up ist genau wie in Ihrem Unternehmen nicht das Produkt, die Idee oder die Kernprozesse. Es ist das Team, das alles nach vorne bringt.

Eines der entscheidenden Punkte für unternehmerischen Mut ist die simple Tatsache, dass Menschen glauben müssen, ihn zu haben. Leider gehen in unserem Land ¾ aller Menschen davon aus, dass er angeboren ist und sie ihn nicht haben. Wissenschaftlich betrachtet ist das schräg, fast alle modernen Untersuchungen zeigen ein ganz anderes Bild: Unternehmerischer Mut braucht einen Prozess, den sich Menschen im Einzelnen wie als Organisation stellen können. Wenn diese Barriere intellektuell geknackt ist, kommt die zweite, noch größere Barriere: Will ich das?

Am Anfang jeder erfolgreichen Unternehmung stehen drei einfache Worte: „Ja, ich will“. Ich bin im Gegensatz immer wieder überrascht, wie viele Menschen auf Geschäftsführerebene nicht unternehmerisch denken und handeln wollen. „Sonst wäre ich ja Unternehmer geworden“ – dieser Satz wird hinter verschlossenen Türen oft gesagt. Nach außen wird sicherlich etwas anderes vertreten. Fünf Minuten bevor ich bei einem DAX-Konzern mit meinem Vortrag „Unternehmerischer Mut“ auf die Bühne gehe, spricht mich ein sehr gepflegt aussehender 50jähriger Mann an: „Ich war beim Betriebsrat und habe mich erkundigt, ob Sie diesen Vortrag überhaupt halten dürfen. Ich bin angestellt und will nicht in das Risiko gehen. Ich mache nur, was man mir sagt.“ Eine sehr klare und reflektierte Ansage. Der Herr wurde mir danach als Standortleiter mit einer dreistelligen Mitarbeiterzahl vorgestellt. Sehr skurril.

Die Entscheidung zu diesem „Ja ich will“ dauert manchmal sehr lange, denn es ist kein Flirten, kein „Das wäre nett.“, kein „Das könnte man mal machen.“, sondern, es ist in einer sehr tiefen Ebene unseres Seins verankert. Eine Ebene, die stärker ist als unsere Bequemlichkeit oder die 1000 anderen Möglichkeiten unseres Lebens. Unser innerer Schweinehund kämpft dagegen an. So muss diese Entscheidung in eine Haltung übergehen und immer wieder neu getroffen werden. Selbst erfolgreiche Unternehmer vergessen dies und werden zu Verwaltern. Mir ist völlig klar, dass die meisten Menschen an dieser Stelle sagen würden: „Das ist doch klar.“, aber glauben Sie mir, letztlich begreifen es weniger als man denkt. Komplexer wird die Entscheidung noch, wenn wir uns unsere Werte, Ressourcen, Kompetenzen und Fähigkeiten anschauen. Denn all diese Faktoren fließen ja in diese Entscheidung mit ein. Nur wenn wir uns „in der Tiefe“ entschieden haben, werden wir all die zukünftigen Herausforderungen meistern.

 


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